Monatszeitung für Selbstorganisation
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DU SUCHST EINE SOLIDARISCHE ÖKONOMIE UND FINDEST ÖKONOMIEN DES NOTBEHELFS – UND MANCHMAL NICHT EINMAL DASÜberleben in Slums und Ghettos (Teil 2)Laut UN-Habitat lebten von 6,8 Milliarden Menschen (2009) weltweit eine Milliarde Menschen in Ghettos und Slums. Fünf von Hundert leben in den Ghettos der Industrieländer, 95 v.H. – 946 Millionen – dagegen in den Slums der Entwicklungs- und Schwellenländer, Tendenz steigend. Von Wolfgang Ratzel, Berlin # Vier Strukturmerkmale verbinden alle Sonderzonen der Welt: Sie sind Ausnahmeräume: man lebt im wirklichen Ausnahmezustand. In den Ausnahmeräumen gibt es keinen regulären Markt, man arbeitet informell. Mit dem kapitalistischen Markt verschwindet der Staat. Das Verschwinden des Markts und des Staats erzeugt ein Vakuum der Macht, es regiert die Willkür. Wenn alle Sonderzonen Ausnahmeräume sind, dann funktioniert doch kein Ausnahme so wie die andere. Aber worin unterscheiden sich die Slums des Südens von den Ghettos des Nordens? Und worin unterscheiden sich die Slums untereinander? Ghettos entstanden durch Segregation von ehemals homogenen Stadtteilen: Die Stadt scheidet z.B. ein Arbeiterviertel einer untergehenden Industrie aus, oder ein Wohngebiet nicht-mehr gebrauchter »Gast«arbeiterInnen. Ghettos bleiben stets eingelagert in eine funktionierende Normalität. Auch die alten Slums des Südens entstanden so. Die neuen Slums entstehen gänzlich anders: Sie sind Folge von massenhafter Wanderarbeit, deren Anfang immer ein Verlust war: Die Menschen verloren ihre Subsistenz-Parzelle durch Enteignung oder Vertreibung; sie verloren ihre (Land-) Arbeit durch Entlassung. Im Zeitalter der Medien kam die Verlockung der Bilder hinzu: In den Hütten flimmerte die Glitzerstadt, Amüsement, Aufstiegsmöglichkeiten, doppelgaragige Bungalows mit großen Gärten. Ob nun vertrieben oder angelockt – wer in der Stadt ankommt, landet im Slum, in dessen äußerster Schicht. Die Stadt wuchert zwiebelförmig um Downtown – dorthin wollen alle. Wer ankommt, verliert seine Adresse, wird unauffindbar. Kein Brief wird mehr ankommen. Von allem Eigentum befreit hat man nur sich selbst, seine Arbeitskraft und seine Familie. Zuerst suchen die Neuankömmlinge sich ein paar Kartons und stellen sie zusammen, später finden sie Wellblech, dann Holzbretter und irgendwann vielleicht Steine: Unten Werkstatt oder Laden, oben ein Zimmer für die Familie. Das Slum-Optimum ist erreicht. Der nächste Schritt muss der Sprung hinaus in die Normalität sein! Dieser Traum trägt das Leiden. Der große Unterschied zu den Ghettos des Nordens liegt im fehlenden Rechtsanspruch auf Sozialhilfe. Der Kapitalismus zeigt sich ohne Sozialamt. Wer aber keine Sozialhilfe bekommt, muss arbeiten und zwar gegen Geld. Wer morgens früh aufsteht, hat nichts zu essen, wenn er oder sie tagsüber nichts verdient. Niemand hat die Wahl, nicht Waren zu produzieren oder nicht zu dienstleisten. Deshalb sind Slums Orte informeller Lohnarbeit: Mensch produziert, repariert, bedient und recycelt. Ohne Geld kein Leben – zum Tauschen haben die SlumbewohnerInnen nichts als ihre Arbeitskraft. Deshalb lässt sich Wanderarbeit dort nieder, wo Arbeit und Absatzmärkte winken – z.B. in Mumbay! Dharavi im Indischen MumbayIn der Kern-Stadt leben 13-14 Millionen Menschen, im Großraum gar 20 Millionen. … Fortsetzung auf Seite 3 |
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